Geschichten

kinder spielenIst das nicht ein schönes, langes Wort? Nun wurde es ernst, nach all den, für uns schon aufregenden Vorbereitungen, kam der Bescheid, dass meine Schwester und ich am 2. Januar zur Kur nach Bad Dürrheim in den Schwarzwald geschickt werden sollten. Meine Mutter hatte die Sorge, was wir zum Anziehen brauchten. So richtige wetterfeste Kleidung hatten wir nicht, und dass im Schwarzwald, im Januar, tiefster Winter mit viel Schnee auf uns wartete, war ja wohl klar. Es wurde also beraten. Meine Tante, die gut nähen konnte, machte für mich einen neuen Mantel aus einer Wolldecke. Für meine Schwester wurde ein altes gutes Stück aufgetrennt, gewendet und nach Maß für sie ein schöner Mantel gemacht. Sie nähte auch noch für jede ein warmes Flanellnachthemd. Meine andere Tante strickte Pullover, meine Mutter Mützen, Schals und Handschuhe und wir selber konnten Socken und Röcke stricken, was wir schon früh gelernt hatten. Übrigens, Socken stricken lernten wir auch in der Schule. Zum erstenmal bekamen wir warme lange Trainingshosen und Gummistiefel. So bestens ausgerüstet ging es am 2. Januar los. Meine Mutter musste uns zu einem Sammeltransport bringen. Ein Bauer, bei dem meine Mutter oft arbeitete, brachte uns mit der Pferdekutsche nach Haltern zum Bahnhof. Mit der Bahn fuhren wir nach Wanne-Eickel. Dort trafen sich die Kinder, die zu dem Transport gehörten. Jetzt hieß es Abschied nehmen. Etwas bang war mir doch um' s Herz, so eine weite Reise ohne meine Mutter zu machen. Aber zum Glück hatte ich ja meine große Schwester dabei, das beruhigte mich doch sehr. Kurz nach 22.00 Uhr setzte sich dann der Schnellzug mit unserer Gruppe von neun Kindern und zwei Begleitpersonen in Bewegung. Wir fuhren in die Nacht hinein und konnten leider nichts von der Landschaft sehen. Natürlich sollten wir ja auch schlafen, woraus aber nicht viel wurde. Wenn der Zug an den großen Bahnhöfen hielt, waren alle wieder wach. Da war Leben und Treiben und es gab was zu sehen. Ich höre immer noch den Ausruf des Schaffners: „Hier Freiburg im Breisgau," und ich dachte, o je, was bin ich schon weit von zu hause weg. Am anderen morgen gegen 7.00 Uhr wurden wir von einem kleinen Bahnhof abgeholt und zum Kinderheim gebracht. Wir waren begeistert von der schönen, tief verschneiten Landschaft. Das Haus stand etwa zwei km vor dem Ort am Rande eines Waldes und sah aus wie ein kleines Märchenschloss. Wir wurden in einer großen Halle empfangen, wo uns noch ein geschmückter Tannenbaum entgegenstrahlte, der vom Boden bis zur Decke reichte. Das gefiel mir alles sehr gut. Wir bekamen ein Frühstück und sollten dann noch ins Bett, weil wir ja in der Nacht nicht viel geschlafen hatten und auch alle recht müde waren. Doch dann kam für mich der erste Schock. Ich wurde, weil ich jünger war und zu den Kleinen gehörte, von meiner Schwester getrennt und in einen großen Schlafsaal gebracht. Ich wollte sofort zu meiner Schwester zurück, was aber zuerst abgelehnt wurde. Da ich aber anfing herzzerreißend zu weinen, wurde ich nach kurzer Beratung des Betreuungspersonals zu meiner Schwester zurück gebracht und durfte bei ihr und einem anderen Mädchen in einem Dreibettzimmer schlafen. So blieb es auch und darüber war ich sehr glücklich. Mittags zum Essen gingen wir in einen großen Speisesaal und sahen zum ersten mal alle Kinder, die dort waren. Eigentlich bekamen wir gutes Essen. Manchmal aber gab es eingemachte schwarze Kirschen zum Nachtisch, die wir alle nicht essen wollten. Es schwammen nämlich kleine weisse Würmer auf dem Saft. Das war ekelig. Die Betreuung sagte, wir sollten uns nicht so anstellen, wir könnten die Würmchen ja abfischen. Das machten wir dann auch. Jede einzelne Kirsche wurde aber auch auf Einwohner untersucht und nur mit Widerwillen gegessen. Ich mochte auch, wie manche anderen Kinder,keinen Fisch. Den mussten wir aber auch nicht essen, dafür bekamen wir Quark zu den Pellkartoffeln. Von 13.00 bis 14.30 Uhr war Mittagsschlaf angesagt. Wenn wir anschliessend zum Rodeln gingen, legten wir uns voll angezogen ins Bett, die Decke bis zum Hals, damit eine kontrollierende Aufsichtsperson nichts merkte. Wenn die Glocke zum Aufstehen läutete, sprangen wir aus dem Bett und rannten in den Speiseraum. Jeder, der fertig angezogen war, durfte schon sein Marmeladenbrot essen und Kakao trinken. Schnell liefen wir danach in den Keller, um uns für draußen anzuziehen. Der springende Punkt war nämlich, wer zu den Ersten gehörte, konnte einen guten Schlitten erwischen. Es gab einige, die besonders gut fuhren. Wir machten auch Wanderungen durch den verschneiten Wald und schüttelten gerne unverhofft die Bäume, dass den anderen der Schnee auf den Kopf fiel. Wir bauten auch Schneehütten. Es machte alles sehr viel Spaß, nie wieder habe ich den Schnee so genossen. Im Haus war es gemütlich. Wir machten Spiele oder bekamen etwas vorgelesen. Manchmal wurde ein Plattenspieler angestellt und ein Mädchen, das Ballettschülerin war, durfte uns etwas vortanzen. Das fand ich ganz toll. Seitdem träumte ich davon, so etwas auch lernen zu dürfen. Das Mädchen, welches mit uns auf dem Zimmer schlief, war sehr nett. Sie hieß Irene Kruse und wohnte in Hodenhagen an der Aller. Manchmal nachts, schnarchte sie. Dann haben wir ihr eine Wäscheklammer, die wir aus dem Keller hatten, auf die Nase gesetzt. Dafür mussten wir dann morgens ihr Bett machen, was sie nicht gerne tat. Wir verstanden uns sehr gut und hatten viel Spass miteinander. Zum Schluss der Kur durfte ich mit meiner Schwester und ein paar anderen großen Mädchen sogar alleine in den Ort gehen und Souvenirs einkaufen. Etwas Taschengeld hatten wir ja mitbekommen. Wir hatten uns vertrödelt und kamen etwas zu spät zurück. Jede hatte Angst, als Erste hinein zu gehen. Ich versteckte mich natürlich hinter den Großen. Wir erwarteten ein Donnerwetter, aber mit ein paar vorwurfsvollen Worten kamen wir recht glimpflich davon. Als wir am Ende unseres Aufenthaltes gewogen wurden, hatte ich ein gutes Kilo zugenommen, wurde aber immer noch als zu leicht befunden. Mit unserer neu gewonnenen Freundin Inge hatten wir noch lange Kontakt. Einmal haben wir sie besucht, als sie in Ferien bei ihrer Oma in Dortmund war. Später hat sie auch uns einmal in Flaesheim besucht. Wir haben uns noch einige Jahre geschrieben, doch dann ist der Kontakt alimählig eingeschlafen. Gerne wüsste ich, was aus ihr geworden ist. Es waren schöne sechs Wochen meines Lebens, die ich, wie man sieht, nie vergessen habe.

© Rosemarie Brathe


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