Geschichten

washing 41825 1280Ein neuer Lebensabschnitt für uns alle begann in Flaesheim. Wir wohnten mit drei anderen Familien unter einem Dach. Es waren sehr nette Leute, wir verstanden uns alle gleich gut miteinander. Jeder half dem Anderen. Auch die Geselligkeit kam nicht zu kurz. Wir feierten kleine Feste zusammen, wie zum Beispiel Silvester oder Karneval.

Meine Mutter arbeitete nicht mehr bei den Bauern, sondern hielt - um die Miete bezahlen zu können - mehrere Büroräume und bei den Arbeitern in der Fabrik den Mannschafts-, den Wasch- und den Spintraum sauber. Jeden Tag. Das war mit Sicherheit auch keine leichte Arbeit. Sie fuhr täglich mit dem Rad zur Firma, bei jedem Wetter.

Ich ging nach den Weihnachtsferien wieder zur Oma nach Lavesum zurück, um meinen Schulabschluss zu machen. Zum Glück wurde ich, wie auch die anderen Kinder, aus dem siebten Schuljahr entlassen. Also mit der Klasse, der wir eigentlich altersmäßig angehörten. So hafte ich nur noch drei Monate Schulzeit. Es war gut, dass ich jetzt ein Fahrrad hafte. So brauchte ich den weiten Schulweg nicht mehr laufen. Am Wochenende fuhr ich bei gutem Wetter nach Flaesheim. Das sah meine Oma gar nicht gerne. Sie konnte nicht verstehen, dass ich auch gerne bei meiner Mutter in der neuen Wohnung sein wollte. Die Oma meinte dann, es gefiel mir bei ihr nicht.

Das eine Schuljahr, das ich gespart hatte, habe ich wieder gut gemacht, indem ich fünf Jahre Berufsschule absolvierte. Weil ich keine Lehrstelle in meinem gewünschten Beruf fand, arbeitete ich zwei Jahre in einem Geschäftshaushalt in Haltern. Hauptsächlich musste ich putzen und mich um die kleine Tochter kümmern. Ich machte das gerne, ich wurde sehr gut behandelt. Ich gehörte zur Familie. Das kleine Mädchen ist noch heute meine Freundin. In dieser Zeit musste ich die hauswirtschaftliche Berufsschule in Flaesheim besuchen. Jede Woche kam eine Lehrerin von Datteln, die uns mit den Aufgaben einer Hausfrau vertraut machte. Wie zum Beispiel Putzen, Kochen, Waschen, Nähen, Babypflege. Geschadet hat das nicht. Im Nähen hatte ich schon eine gewisse Übung. Ich machte mir selber Kleider, das hatte ich von meiner Tante und den Schwestern im Antoniushaus in Lavesum gelernt. Darum brauchte ich das Maschinennähen auch nicht wie die anderen Mädchen erst auf Papier zu üben. Als ich dann eine Lehrstelle bei einem Herren- und Damenschneider in Haltern bekam, ging es mit der Berufsschule von vorne los. Drei Jahre, jede Woche einmal nach Recklinghausen. Wenn ich vom Bahnhof in die Stadt ging, übersah ich oft die rote Ampel, die war mir noch gar nicht geläufig. In Haltern gab es die noch nicht. Auch unsere Schneiderinnenklasse, der übrigens zwei Jungen angehörten, hatte jede zweite Woche am Nachmittag nach dem eigentlichen Unterricht noch Kochschulung. Auch das hat nicht geschadet. Warum macht man das heute nicht mehr? Ach ja, es gibt ja Fertiggerichte...

Kurz vor Ablauf meiner Lehrzeit bekam ich den Bescheid, dass ich, weil ich in Flaesheim wohnte, in die Berufsschule nach Datteln müsste. Am Anfang suchte ich die zuständige Schule, aber in Haltern und in Marl gab es keine Klasse für mich. Man schickte mich nach Recklinghausen. Jetzt sollte ich wieder ein viertel Jahr vor Schluss die Schule wechseln. Das wollte ich absolut nicht. Mein Klassenlehrer setzte sich für mich ein. Er erreichte, dass ich bleiben konnte. Aber man bestand darauf, dass ich in Datteln die Prüfung ablegte. Ich frage mich bis heute: Warum? Da saß ich am Prüfungstag verloren zwischen all den fremden Schülern und Lehrern. Schriftlich, mündlich und der Rest praktische Prüfung (das Haupt-Prüfungsteil wurde auf einer fremden Werkstatt gemacht) - alles an einem Tag in der Schule. Und dann noch an einem Freitag, dem 13.

Aber es klappte trotzdem gut. Meine Mutter hatte sich schon Sorgen gemacht, weil es so spät wurde. Ich kam zurück mit dem Gesellenbrief und konnte mein Glück kaum fassen. Das war das Ende meiner Berufsschulzeit. (Fortsetzung folgt)

©Rosemarie Brathe

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See-News 11/2019 erschienen
Samstag, 28. September 2019
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