Geschichten

strickenWenn man überlegt, hat sich so einiges geändert in den Jahrzehnten. Der übertriebene Rummel um Weihnachten, der schon direkt nach den Sommerferien anfängt. Da liegen schon die Süßigkeiten und das Weihnachtsgebäck in den Läden. Bald danach tauchen die ersten geschmückten Tannen auf. Bei einer Umfrage, von der ich gelesen habe, stellte sich heraus, dass viele Leute gar nicht wissen, warum Weihnachten gefeiert wird, dass es eigentlich ein christliches Fest ist. Viele schimpfen und lästern über die Kirche und unseren Glauben, treten aus der Kirche aus, aber die meisten feiern trotzdem Weihnachten. Es ist schon irgendwie eigenartig. Die Kinder schreiben Wunschzettel, und je nach Möglichkeit werden die Wünsche erfüllt. Da schenken die Eltern, Opa und Oma, Patenonkel und Tanten usw. Es gibt ja heute auch alles zu kaufen. Gestern war das noch anders, ach nein, es war doch schon vorgestern. Gestern waren meine Kinder klein, vorgestern war ich ja noch ein Kind. Da wurden in der Adventszeit Geschenke gebastelt, aus Holz, z.B. die Puppenstube, Kaufladen. Puppenwiege und Bettchen. Auch die dazu gehörigen Puppen wurden selbst gemacht, mit Schafwollhaaren und hübschen Kleidchen. Natürlich wurde auch viel gehäkelt, genäht, gestickt und gestrickt. Pullover, Schals, Handschuhe. Mützen und Socken - oder Pantoffeln. Wenn wir dann von der Schule oder vom Spielen nach Hause kamen, ließen sie alles schnell verschwinden. Ich fand sie schön, diese geheimnisvolle Zeit. Wir haben uns immer über die selbstgemachten Sachen gefreut. Frühzeitig brachte meine Tante uns die die Handarbeit-Techniken bei. So konnten wir. - meine Schwester und ich - auch für unsere Mutter Geschenke herstellen, z.B. Taschentücher umhäkeln oder Decken und Kissen besticken.1949 war das schönste Weihnachtsfest für meine Oma. Da kam Ihr Satin am Heiligen Abend aus russischer Gefangenschaft zurück nach Hause. Es waren noch einige andere Heimkehrer dabei. Sie wurden vom Reiterverein am Bahnhof Haltern abgeholt und einzeln nach Hause gebracht. Es herrschte überall große Freude, auch bei meinen Tanten und meiner Mutter, sie waren ja seine Schwestern. Meine Mutter hätte ihren Mann, unseren Vater, auch gerne zurück gehabt aber dieses Glück blieb ihr leider nicht vergönnt. Erwurde noch 1945 Opfer des Krieges. Ich werde das Weihnachtsfest nie vergessen.

Rosemarie Brathe

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rhodosVor Jahren, als mein Partner noch lebte, machten wir gerne Urlaub in Griechenland. Genauer gesagt, wir verliebten uns in die Insel Rhodos. Gleich beim ersten Mal lernten wir eine nette Familie kennen, ein Ehepaar mit zwei kleinen Söhnen. Sie hatten ein Geschäft in der Altstadt von Rhodos mit Textilien. Mich Interessierten die schönen Tischdecken. Wir betraten den Laden und wurden sehr freundlich begrüßt. Das ist natürlich selbstverständlich, wenn man etwas verkaufen will. Der Mann sprach sehr gut Deutsch, er hatte Freunde in Essen und kannte Deutschland. Wir unterhielten uns lange bei einem Kaffee. Beim zweiten Besuch wurden wir gleich zu einer Fete in seinem Gartenhaus eingeladen. Seine Frau Friederike war auch sehr nett, aber die deutsche Sprache beherrschte sie nicht gut In unserem dreiwöchigen Urlaub haben wir eine echte Freundschaft geschlossen.Thanasis nahm uns am Abend mit zu einem größeren Platz. Dort trafen sich die Geschäftsleute nach Ladenschluss und setzten sich zu einem gemütlichen Feierabend zusammen. Wir wurden gleich integriert und gehörten dazu. Wir fuhren dann mit dem letzten Bus zum Kalitea-Strand, wo wir in unserem Hotel wohnten. Als der Urlaub zu Ende ging, mussten wir versprechen, im nächsten Jahr wiederzukommen. Als wir im nächsten Jahr wieder da waren, wurden überall Vorbereitungen für ein Fest getroffen. Wir fragten, was denn los wäre. Ja, sagte man uns, übermorgen ist Ostern. Wir waren erstaunt, denn bei uns war schon vor einer Woche Ostern. Ja. das griechische Osterfest würde nicht immer am gleichen Datum gefeiert wie das deutsche Osterfest. sagte man uns. Es ist für die Griechen aber viel wichtiger als das Weihnachtsfest.Am Samstagabend begannen dann die Feierlichkeiten. Von unserem Hotel aus gingen wir eine steile Straße bergauf, denn oben stand die nächstgelegene Kirche in einem kleinen Ort. Schon von weitem hörten wir die Stimme des Geistlichen vom hohen Turm. Ale Leute waren festlich gekleidet Die Kirche war überfüllt und viele standen auf dem Kirchplatz um die Zeremonie mitzufeiern. Wir stellten uns auch dazu. Man musste gutes Stehvermögen haben, denn die Feier dauerte bis Mitternacht. Dann kam der Pope mit seinem Gefolge auf den Kirchplatz, und es wurde draußen noch einmal gebetet. Plötzlich liefen die Jungs, die wie bei uns die Messdiener dort wohl die gleiche Aufgabe hatten, ganz schnell hinter eine Hecke. Ich dachte, die haben sicher Druck auf der Blase. Es war aber ein anderer Grund. Es wurden Knallkörper abgeschossen. wie bei uns zu Silvester. Danach trafen sich die Leute noch zum Essen. Es gab Mittemachissuppe. zubereitet aus Innereien der geschlachteten Lämmer. Am Ostersonntag wurden überall, auch vor den Hotels, die Lämmer am Spieß gebraten. Wir waren bei unseren Freunden eingeladen und feierten mit ihnen, Ihren Verwandten und Freunden.Es war mal ein ganz anderes Osterfest als bei uns zuhause. Der Brauch war, es wurden rot bemalte Eier aneinander geschlagen, dessen Ei dabei nicht kaputtging, hatte viel Glück bis zum nächsten Osterfest. Es war wieder ein schöner Urlaub, und es folgten noch viele auf unserer geliebten Insel. Noch heute schreiben wir uns oder telefonieren mit den Freunden in Griechenland.

Rosemarie Brathe

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schlittenLeise rieseln die Weihnachtsklänge „Stille Nacht, Heilige Nacht“ durch mein Wohnzimmer. Gespielt von Anne Sophie Mutter auf ihrer berühmten Stradivari Geige, schlüpft die Musik aus dem kleinen schwarzen Bose Lautsprecher und erfüllt den ganzen Raum. Vor dem Fenster tanzen die Schneeflocken und drinnen die Flammen im Kamin. Sie umzüngeln die derben Holzscheite und entlocken ihnen wohltuende Wärme. Ich sitze gemütlich in meinem De Sede Sessel DS - 57. Der Duft des frisch gebrühten Früchtetees lässt meine Nasenflügel frohlocken und das Stück Schwarzwälder Kirsch lacht mich an. Die silbernen Kugeln an meiner Nordmanntanne glänzen im Schein eines LED Lichtermeers.
Da knallt ein Schneeball gegen meine Fensterscheibe. Vor Schreck lasse ich beinahe die Teetasse fallen. Unverzüglich springe ich auf, stelle den Tee zur Seite und stürze zum Fenster. Auf der Straße veranstalten vier Kinder lachend und kreischend eine wilde Schneeballschlacht. Ich spüre die erhöhte Frequenz meines Herzschlags und das Blut durch meine Adern pulsieren.
„Muss das sein?“, sage ich mir erbost. „Dieser Krawall an Weihnachten. Und dann ballern sie noch Schneebälle gegen mein Fenster. Das muss ich mir nicht bieten lassen. Diesen Gören werde ich mal ordentlich die Leviten lesen.“
Ich eile in der Flur, schlüpfe in meine Santoni Schuhe aus echtem Krokodilleder, gleite in meinen Mantel der Marke Hugo Boss, werfe mir den Gucci Schal um den Hals und stapfte hinaus in den knirschenden Schnee.
„Hey ihr Rotznasen“, rufe ich ihnen schon von weitem zu. „Was soll dieser Radau am hochheiligen Weihnachtsfest.“ Das Lachen der Kinder erstirbt. Ängstlich schauen sich Paul, Mia, Greta und Milan zu mir um. Als ich bei ihnen angelangt bin baue ich mich vor ihnen auf. Ich stemme meine Hände in die Hüften und schreie meine gesamte Wut hinaus. „Was soll dieser Krach? Habt ihr nicht mehr alle Tassen im Schrank? Und welcher Hornochse hat denn den Schneeball gegen mein Wohnzimmerfenster geworfen?“
Paul hebt zögernd den Finger und murmelt: „Ich war das.“"
Na klar der Paul“, schnauze ich los. “ Wer den sonst? Du machst mehr Lärm als die Sirene eines Feuerwehrautos.“
„Ist Kinderlachen etwa Lärm?“, fragt da die kleine Greta mit zarter Stimme.
Ich stutze. Ihre Frage wirft mich total aus der Bahn. Krampfhaft versuche ich mich wieder in den Griff zu bekommen.
„Warst du eigentlich nie ein Kind und hast gespielt“, will Greta jetzt wissen.

Das ist zu viel. In meinem Kopf hallen nur noch zwei Wörter wider, Kinder - spielen, Kinder – spielen, Kinder – spielen! Meine Gedanken wirbeln durcheinender, rasen durch enge Gänge, dunkle Tunnel und vom Nebel getränkte Täler zu längst vergessenen Erinnerungen und landen in einer wunderschönen, schneebedeckten, hügeligen Landschaft. Dort, wo ich aufgewachsen bin. Vier Kinder sausten mit ihren Schlitten den Hang hinab. Herbert und Anneliese auf dem ersten Schlitten, Maria und ich auf dem zweiten.

„Schneller Gustav, schneller. Wir können sie noch überholen“, schrie Maria in mein Ohr. Sie umklammerte in angenehmer Weise meinen Oberkörper. Wir gewannen tatsächlich an Fahrt und holten auf. Als wir kurz davor waren, sie zu überholen, riss Herbert seinen Schlitten herum und fuhr in unsere Bahn.

Wir rammten seinen Schlittern wurden alle vier durch die Luft geschleudert und landeten im weichen Schnee. Ich rappelte mich auf und schrie: „Herbert das wirst du büßen.“ Sofort formte ich den ersten Schneeball und warf ihn auf Herbert. Daraufhin entflammt eine wilde Schneeballschlacht. Nach einer Viertelstunde ließen wir uns erschöpft in den Schnee fallen.

Herbert hielt einen großen Schneeball hoch und schwenkte ihn hin und her. „Das ist unsere Friedensfahne.“

Einträchtig stapften wir durch den tiefen Schnee den Hügel hinab. Dort stand er, unser Iglu. Ja wir hatten einen echten Iglu gebaut, der höher als ein Auto war und uns vieren genügend Platz bot. Anneliese besorgte heißen Kakao und Plätzchen. Maria, Herbert und ich entzündeten die Laternen im Innern unseres Prachtbaus. Kurze Zeit später saßen wir bei Kakao und Plätzchen zusammen, Herbert erzählte Witze und wir lachten und grölten. Bei Anbruch der Dunkelheit verabschiedeten sich Anneliese und Herbert. Maria hockte neben mir auf einer Holzkiste. Die zuckenden Flammen in den Laternen ließen Schatten über die Igluwände huschen. Da schob Maria ganz langsam, ganz zaghaft, ja zärtlich ihre kalte Hand zwischen meine Hände. Plötzlich knallt ein Schneeball gegen meine Stirn und holt mich zurück in die Gegenwart. Während dieser Zeitreise in die Jahre meiner Kindheit haben Paul, Mia, Greta und Milan ihre Schneebälle wieder fliegen lassen.

„Oh, Entschuldigung. Ich wollte eigentlich den Milan treffen“, sagt Mia kleinlaut und sieht mich mit ihren großen Augen erschrocken an, als würde ich mich jeden Moment wie ein feuerspeiender Drache auf sie stürzen.
„Darf ich mitspielen?“, rutscht es im nächsten Moment aus mir heraus.
Die Kinder starren mich an, als wäre ich ein Außerirdischer, ein grüner Mann vom Mars. Ich kann es ja selber kaum begreifen, was ich eben gesagt habe. Es war mir einfach so entflohen aus der Tiefe meiner Seele.
Als Erstes findet Greta ihrer Sprache wieder: „Du bist doch viel zu groß. Du bist schon erwachsen. Und Erwachsene können nicht mehr spielen.“
„Doch“, entgegne ich. „Ich kann noch richtig gut spielen.“
„Du magst keine Kinder“, meldet sich Milan. „Erst schreist du uns an, wir würden nur Krach machen, du bezeichnest uns als Rotznasen und Hornochsen, und jetzt willst du mitspielen. Du bist doch nicht ganz frisch im Kopf.
„Es tut mir leid. Ich habe total überreagiert. Ich mag Kinder und möchte so gerne mitspielen“, bettle ich.
„Du kannst hier nicht mitspielen“, bestimmt Paul. Gehe nach Hause und lasse uns in Ruhe.“ „Ich, ich“, stottere ich, krampfhaft nach Worten suchend. „Ich kann einen Iglu bauen.“
Ungläubig starren mich die vier an. Niemand sagt etwas.
„Ja, ich kann wirklich einen Iglu bauen“, versichere ich.
„So groß, dass wir hineinpassen?“, fragt Mia.
„Ganz aus Schnee, So wie es die Menschen in Grönland haben?“ will Greta wissen.
„Das glaube ich nicht“, Milan schaut mich skeptisch an. „Du erzählst das nur, um mitspielen zu dürfen.“
„Ich kann es euch zeigen. Ich habe schon als Kind einen Iglu gebaut“, verkünde ich mit ein wenig Stolz in der Stimme.“
„Einen echten Iglu zu bauen, das fände ich toll“, sagt Greta.
„Wir können es ja mal ausprobieren“, meint Mia.
„Einen Iglu zu bauen, das gefällt mir“, bestätigt Milan. „Aber mit dem hier?“, er zeigt verächtlich auf mich, „wenn der wieder ausrastet und uns anschreit, ist er schneller zu Hause als er es sich denkt.“
„Ich bin dagegen, dass er mitmacht“, sagt Paul und schaut mich feindselig an. „Aber wenn ihr es möchtet, können wir es mit ihm versuchen.“
Die anderen nicken.

Ich hätte jubeln können, halte mich aber zurück. Wir wählen das freie Grundstück neben dem Spielplatz. Die Kinder rollen dicke Schneebälle, deren Seiten ich mithilfe eines Holzbrettes abschabe, damit Quader entstehen. Gleich großen Steinen beim Mauern einer Wand, werden die Quader aufeinander gestapelt. Mia stopft die Ritzen zwischen den Quadern mit Schnee zu. Unser Bauwerk wird kreisrund. Weitere Kinder mit ihren Schlitten im Schlepptau kommen neugierig näher und schließen sich uns an. Zwei Mädchen aus dem Nachbarhaus haben uns durchs Fenster gesehen und eilen lachend herbei. Mittlerweile sind wir zwölf Kinder, elf kleine und ein großes. Alle rollen Schneebälle, bearbeiten sie, bauen Gerüste, damit die Kuppel nicht einstürzt. Trotz der Kälte glühen unsere Wangen. Nachdem alles steht, werden die Gerüste abgebaut. Der Iglu hält. Voller Stolz betrachten wir unser Bauwerk.
Greta besorgt Plätzchen und Kuchen. Mia bereitet dampfenden Kinderpunsch zu. Rund um den Innenraum des Iglus haben wir Sitzbänke aus Schnee errichtet. Paul schleppt einige Laternen herbei. Plötzlich taucht Milan mit einer Gitarre auf. Wenig später sitzen wir in unserem Iglu. Vor dem Eingang vollführen die Schneeflocken einen wilden Tanz. Der Schein der Kerzen verströmt ein warmes angenehmes Licht. Wir knabbern Plätzchen, lassen uns den Kuchen schmecken und schlürfen den duftenden Kinderpunsch.
Milan stimmt auf seiner Gitarre „Leise rieselt der Schnee“ an und wir singen alle mit.
Als es dunkel wird verabschieden sich die Kinder. Auch ich gehe nach Hause. Paul ruft mir noch nach:
„Hey Gustav, bist du morgen wieder dabei?“
„Mal schauen“, antworte ich.
Mich durchströmt etwas Warmes, etwas, das ich lange nicht mehr gefühlt habe – Weihnachtszauber.
Die Geschichtenmanufaktur „Unikata“ Ludger Pötter

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mutterhand 

Am heiligen Abend:
Sythen bei Haltern am See, 24.12.2015, 19.36 Uhr
S. K. erzählt:

Meine Hand,
so klein und zerbrechlich,
streichelt ihre raue Hand.
Langsam öffnet sich diese
und ich schiebe meine hinein.
Geborgen und heimisch fühle ich mich -
                                         in der Hand meiner Mutter.

                                       

Auf einem Feldbett, olivgrün
sitze ich neben ihr.
Stimmengemurmel von allen Seiten.
Zehn Feldbetten stehen hier, nebeneinander.
Alles fremde Gesichter. 
Sie reden in verschiedenen Sprachen
und das, in einem unbekannten Land.
Ich habe keine Angst. Nicht -
                                          in der Hand meiner Mutter.

Wir sind lange unwegsame Straßen gelaufen.
Meine Beine schmerzten, die Füße brannten.
Ich weinte nicht, denn meine Hand war in der Heimat -
                                           in der Hand meiner Mutter.

Vom Sturm gepeitschte Wellen erhoben sich vor unserem Schlauchboot

Riesige, gewaltige, brutale Wasserberge.
Das Boot, winzig, hoffnungslos überfüllt.
Das kalte graue Meer öffnete den Rachen, um mich zu verschlingen.
Doch ich sog die Kraft -
                                            aus der Hand meiner Mutter.

Draußen ist es schon dunkel.
Eine eisige Nacht.
Alle frieren, - nur ich nicht, denn ich bin -
                                            in der Hand meiner Mutter.

 

 (aus der Geschichtenmanufaktur „Unikata“ von Ludger Pötter)

 
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christmas market 1076400 640Leider war der Sommer schon wieder vorbei, und auch der Herbst neigte sich bereits dem Ende zu. Die Kartoffelfeuer waren erloschen. Pilze, Eicheln, Bucheckern und Kastanien waren gesammelt. Die Bäume hatten ihr schönes, buntes Laub verloren, es wurde auf dem Hof zu großen Haufen zusammengeharkt.

Wir Kinder tobten gern darin herum, es machte Spaß, es raschelte so schön. Unsere Oma sah das gar nicht gerne, weil wir die Laubhaufen wieder auseinander brachten und unsere Kleidung auch nicht gerade sauber blieb. Und das Waschen war damals bekanntlich harte Arbeit. Die Oma schimpfte mit uns. Ich war ja nun die Älteste von den fünf Kindern, die da noch auf dem Hof spielten.

Ich war schon zwölf Jahre alt und musste vernünftig sein. Meine kleine Schwester und die drei Kinder meiner Tante, die oben im Haus wohnten, waren alle jünger als ich. Meine ältere Schwester und mein Bruder hatten die Schule schon hinter sich und gingen zur Arbeit. Wenn es Winter wurde und die Feldarbeit vorbei war, war meine Mutter auch wieder mehr zu Hause. Sie half zwar auch im Winter noch oft auf dem Bauernhof. Aber sie hatte doch mehr Zeit für uns.

Am schönsten war es, wenn die geheimnis- und erwartungsvolle Adventszeit anfing. In der Wohnstube war es schön warm. Es wurde gebastelt, gestrickt, gehäkelt und genäht. Ich strickte mir Handschuhe, Socken, Schals und Glockenröcke selber. Das hatte uns die Tante beigebracht. Für meine Mutter als Geschenk behäkelte ich Taschentücher. Einige davon gibt es heute noch. Bücher zum Lesen hatten wir wenig. Manchmal wurden im Schwesternhaus in der Bücherei welche ausgeliehen, aber die waren meistens für die Erwachsenen.

Eines Tages überraschte meine Tante mich mit einem verlockenden Angebot. Sie sagte: „Möchtest du mit mir in die weihnachtliche Stadt nach Recklinghausen fahren? Da können wir ein paar Sachen für Weihnachten einkaufen." Und ob ich wollte. Ich freute mich sehr darauf. Wir wählten den Samstag für unseren Ausflug, weil ich dann früher Schulschluss hatte. Meine Tante hatte schon ein Fahrrad und ich durfte ausnahmsweise das von meiner Mutter nehmen. Wir fuhren nach Haltern und dann mit dem Zug nach Recklinghausen. Alleine das war schon ein Erlebnis. So große Weihnachtsmärkte wie heute gab es noch nicht, aber es faszinierte mich schon, die schön beleuchtete Stadt und die geschmückten Schaufenster und Läden zu sehen. Was es hier für schöne Sachen gab! Überrascht war ich, dass hier schon die Tannenbäume geschmückt waren. Wir sahen unseren festlichen Baum immer erst am Heiligen Abend.

Etwas Geld hatte ich gespart. Im Sommer hatte ich immer auf zwei kleine Jungen aufgepasst und dafür etwas Geld bekommen. So konnte ich meiner Mutter nun ein Weihnachtsgeschenk kaufen. Ich entschied mich für eine schöne, große Christbaumkugel und einen goldenen Stern. Es reichte auch noch für eine kleine Leckerei für die Mutter und Salmiakpastillen für mich. Meine Tante spendierte ein Stück Kuchen. Dann mahnte sie auch schon zur Rückkehr.

Auf dem Weg zum Bahnhof fiel mir ein, dass ich Lametta vergessen hatte. Wir mussten aber den Zug bekommen. Ich konnte nicht zurücklaufen. Meine Tante tröstete mich, sie würde es mir in Haltern besorgen. So war ich dann zufrieden. In Haltern angekommen, war es bereits dunkel und wir mussten noch mit dem Rad bis Lavesum. Aber das war halb so schlimm. Dafür hatte ich einen schönen Tag.

©Rosemarie Brathe

Rosemarie Brathe

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nicholas 561663 640Wieder ging das Jahr seinem Ende zu und die kalte unwirtliche Jahreszeit hatte Einzug gehalten. Warme Flanellleibchen mit Strumpfbändern und lange, kratzige Strümpfe wurden wieder herausgeholt. Nasse Füße auf dem Schulweg und verlorene Handschuhe gehörten wieder zum Alltag.

Es war aber auch die Zeit, wo es in der Stube gemütlich wurde, auch wenn es manchmal ekelhaft nach Rauch roch, weil der Kamin nicht richtig zog oder die Ofenrohre innen vom Ruß befreit werden mussten. Dann war es ungemütlich im Haus und wir Kinder spielten dann lieber auf dem Hof.

Es war auch die Zeit der duftenden Bratäpfel und der gebackenen Esskastanien und der vielen Geheimnisse. Es wurde gestrickt, gehäkelt, genäht und andere Basteleien gemacht. Einiges durften wir ja auch nicht sehen, weil es für die Weihnachtsbescherung gedacht war.

Mit Spannung verfolgte ich immer, wenn mein Bruder neue Laternen für den Nikolauszug bastelte. Er schnitt aus Sperrholz Brettchen zurecht und sägte mit der Laubsäge schöne Ornamente heraus. Die ausgeschnittenen Öffnungen wurden mit buntem Transparentpapier hinterklebt. Nachdem die Teile zusammengebaut waren, wurde der Boden eingesetzt und eine Kerze darauf befestigt. Mein Bruder brachte noch einen Drahtbügel an, damit man die Lampe an einen Stab hängen konnte.

Für meine Schwester und mich hatte er kleinere Laternen gemacht, weil sie sonst zu schwer geworden wären. Wir waren ganz stolz darauf.

An einem Nikolaustag hatte es schon den ganzen Morgen geregnet, aber zum Glück hörte es kurz vor Schulschluss auf. Wir eilten nach Hause zum Mittagessen und dann mussten wir uns auf den Weg zurück ins Dorf machen. Um 15.15 Uhr sollten alle Kinder wieder auf dem Schulhof sein. Es war nicht kalt, aber es zogen viele dunkle Wolken auf, das Wetter sah nicht gut aus.

Die Lichter in den Laternen wurden angezündet und alle warteten aufgeregt auf den Nikolaus. Als er endlich mit Knecht Ruprecht ankam, war auch die schwarze Wolkenwand da. Der Sturm brach los, es blitzte und donnerte. Vor dem einsetzenden Sturzregen konnten sich alle gerade noch in die Schule retten.

Als der Himmel sich wieder beruhigt hatte, konnten wir dann noch wie vorgesehen, den heiligen Mann und Knecht Ruprecht mit unseren Laternen zum Antoniushaus begleiten. Natürlich sangen wir:

"Wer kommt dort aus dem Himmel hernieder auf die Welt..." Der Nikolaus teilte Lob und Tadel aus. Es wurden Gedichte vorgetragen, ein Theaterstück aufgeführt und Lieder gesungen.

Der Nikolaus verteilte dann an jedes Kind eine Tüte mit Plätzchen, Äpfeln und Nüssen.

Danach gingen wir mit unseren Laternen, in denen der letzte Kerzenstummel schon erloschen war, und mit der Tüte unter dem Arm nach Hause. Es war schon recht dunkel und eine Taschenlampe hatten wir nicht, so war es schwierig, auf den glitschigen, aufgeweichten Feldwegen zu gehen und nicht auszurutschen.

Meine Mutter hatte sich schon Sorgen gemacht und kam uns ein Stück entgegen. Und wir freuten uns auf die warme Stube.

©Rosemarie Brathe

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washing 41825 1280Ein neuer Lebensabschnitt für uns alle begann in Flaesheim. Wir wohnten mit drei anderen Familien unter einem Dach. Es waren sehr nette Leute, wir verstanden uns alle gleich gut miteinander. Jeder half dem Anderen. Auch die Geselligkeit kam nicht zu kurz. Wir feierten kleine Feste zusammen, wie zum Beispiel Silvester oder Karneval.

Meine Mutter arbeitete nicht mehr bei den Bauern, sondern hielt - um die Miete bezahlen zu können - mehrere Büroräume und bei den Arbeitern in der Fabrik den Mannschafts-, den Wasch- und den Spintraum sauber. Jeden Tag. Das war mit Sicherheit auch keine leichte Arbeit. Sie fuhr täglich mit dem Rad zur Firma, bei jedem Wetter.

Ich ging nach den Weihnachtsferien wieder zur Oma nach Lavesum zurück, um meinen Schulabschluss zu machen. Zum Glück wurde ich, wie auch die anderen Kinder, aus dem siebten Schuljahr entlassen. Also mit der Klasse, der wir eigentlich altersmäßig angehörten. So hafte ich nur noch drei Monate Schulzeit. Es war gut, dass ich jetzt ein Fahrrad hafte. So brauchte ich den weiten Schulweg nicht mehr laufen. Am Wochenende fuhr ich bei gutem Wetter nach Flaesheim. Das sah meine Oma gar nicht gerne. Sie konnte nicht verstehen, dass ich auch gerne bei meiner Mutter in der neuen Wohnung sein wollte. Die Oma meinte dann, es gefiel mir bei ihr nicht.

Das eine Schuljahr, das ich gespart hatte, habe ich wieder gut gemacht, indem ich fünf Jahre Berufsschule absolvierte. Weil ich keine Lehrstelle in meinem gewünschten Beruf fand, arbeitete ich zwei Jahre in einem Geschäftshaushalt in Haltern. Hauptsächlich musste ich putzen und mich um die kleine Tochter kümmern. Ich machte das gerne, ich wurde sehr gut behandelt. Ich gehörte zur Familie. Das kleine Mädchen ist noch heute meine Freundin. In dieser Zeit musste ich die hauswirtschaftliche Berufsschule in Flaesheim besuchen. Jede Woche kam eine Lehrerin von Datteln, die uns mit den Aufgaben einer Hausfrau vertraut machte. Wie zum Beispiel Putzen, Kochen, Waschen, Nähen, Babypflege. Geschadet hat das nicht. Im Nähen hatte ich schon eine gewisse Übung. Ich machte mir selber Kleider, das hatte ich von meiner Tante und den Schwestern im Antoniushaus in Lavesum gelernt. Darum brauchte ich das Maschinennähen auch nicht wie die anderen Mädchen erst auf Papier zu üben. Als ich dann eine Lehrstelle bei einem Herren- und Damenschneider in Haltern bekam, ging es mit der Berufsschule von vorne los. Drei Jahre, jede Woche einmal nach Recklinghausen. Wenn ich vom Bahnhof in die Stadt ging, übersah ich oft die rote Ampel, die war mir noch gar nicht geläufig. In Haltern gab es die noch nicht. Auch unsere Schneiderinnenklasse, der übrigens zwei Jungen angehörten, hatte jede zweite Woche am Nachmittag nach dem eigentlichen Unterricht noch Kochschulung. Auch das hat nicht geschadet. Warum macht man das heute nicht mehr? Ach ja, es gibt ja Fertiggerichte...

Kurz vor Ablauf meiner Lehrzeit bekam ich den Bescheid, dass ich, weil ich in Flaesheim wohnte, in die Berufsschule nach Datteln müsste. Am Anfang suchte ich die zuständige Schule, aber in Haltern und in Marl gab es keine Klasse für mich. Man schickte mich nach Recklinghausen. Jetzt sollte ich wieder ein viertel Jahr vor Schluss die Schule wechseln. Das wollte ich absolut nicht. Mein Klassenlehrer setzte sich für mich ein. Er erreichte, dass ich bleiben konnte. Aber man bestand darauf, dass ich in Datteln die Prüfung ablegte. Ich frage mich bis heute: Warum? Da saß ich am Prüfungstag verloren zwischen all den fremden Schülern und Lehrern. Schriftlich, mündlich und der Rest praktische Prüfung (das Haupt-Prüfungsteil wurde auf einer fremden Werkstatt gemacht) - alles an einem Tag in der Schule. Und dann noch an einem Freitag, dem 13.

Aber es klappte trotzdem gut. Meine Mutter hatte sich schon Sorgen gemacht, weil es so spät wurde. Ich kam zurück mit dem Gesellenbrief und konnte mein Glück kaum fassen. Das war das Ende meiner Berufsschulzeit. (Fortsetzung folgt)

©Rosemarie Brathe

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glass 97503 640Meine Mutter hatte sich entschlossen, nach Flaesheim zu ziehen in einen Neubau. Ich sollte weg von dem Ort, in dem ich geboren und bislang aufgewachsen war. Schlimm war auch, dass ich in eine fremde Schule gehen sollte, wo ich die Lehrer und die Schüler nicht kannte. Hier hatte ich doch meine Freundinnen. Ich war sehr unglücklich. Es waren ja nur noch drei Monate bis zur Schulentlassung.

 

Meine Oma hatte ein Einsehen und bot mir an, bei ihr zu bleiben, so dass ich meine Schulzeit in Lavesum beenden konnte. Da fällt mir ein, dass sich der Tag der Schulentlassung in diesem Jahr zum 60. Mal jährt.

Meine Mutter willigte ein und ich war glücklich. Da meine Oma sowieso nicht mehr gut die Treppen steigen konnte, schlief sie unten im Wohnzimmer auf einer Klappcouch. Mir stellte sie oben im Zimmer, wo auch meine Tante schlief, ihr Bett zur Verfügung. Unser Schlafzimmer, das meine Mutter mit uns Kindern bezogen hatte, gab es nicht mehr. Die Wand war herausgebrochen worden, um das Wohnzimmer zu vergrößern.

Ich hatte ein altes Fahrrad bekommen. Es kostete 12 DM, weil es neue Bereifung hatte. Das Geld hatte ich mir zusammen gespart durch Baby-Sitten. Es war eine wunderbare Errungenschaft.

 

Am zweiten Tag nach Weihnachten zogen wir in das neue Heim. So viele Sachen gab es nicht zu packen und viele Möbel hatten wir auch nicht. Die ersten Tage konnte ich ja noch dabei sein, denn wir hatten Weihnachtsferien. Es war für uns wie ein Himmelreich. Alles war neu und es gab ein Badezimmer mit Wanne, Wasserboiler und Spültoilette. Der Wasserboiler hing über der Wanne und musste mit Holz und Kohle beheizt werden. Ein Waschbecken gab es nicht im Bad, dafür war in der Küche ein Spülstein, so nannte man das viereckige Becken mit Wasserhahn darüber. Wir brauchten kein Wasser mehr mit Eimern irgendwo herholen.

Die Wohnküche hatte ein schönes großes Fenster, durch das man in den Garten, der in vier Streifen eingeteilt war, für jede Familie im Haus einen, hinausschauen und bis in die Haard sehen konnte. Heute geht das nicht mehr, es ist alles zugebaut.

 

Neben der Küche war noch ein kleiner Raum, der wohl als Kinderzimmer gedacht war. Daraus wurde unser erstes eigenes Wohnzimmer. Meine Mutter konnte bei Peters, wo sie immer noch aushalf, eine preiswerte Polstergarnitur erstehen. Auf Raten natürlich. Ein Tisch, der sogar Höhen verstellbar und ausziehbar war, kam dazu. Ein roter Kokosläufer zierte den Boden. Ein Schrank passte nicht mehr in das Zimmer, aber ein kleiner Ofen musste noch angeschafft werden. Das Schlafzimmer teilten wir uns: meine Mutter, meine jüngere Schwester und ich. Meine ältere Schwester wohnte bei der Familie, bei der sie arbeitete.

Zu jeder Wohnung gehört noch ein Mansardenzimmer, zwei Treppen hoch. Es passten gerade ein Bett und ein kleiner Kleiderschrank hinein. Aber erstaunlicherweise gab es dort ein kleines Waschbecken. Dieses Zimmer bekam mein Bruder.

 

Es war sehr kalt in jenem Winter und die Wohnung war wohl noch nicht ausgetrocknet. Vor allem das Schlafzimmer zur Nordseite des Hauses war feucht und kalt, es war ja auch nicht beheizbar. Einen elektrischen Heizofen hatten wir nicht, aber eiskalte Schlafzimmer waren wir ja gewohnt.

Einen Kellerraum gab es auch noch: Für Holz, Kohle und ein Regal mit Eingemachtem. Als alles so weit fertig eingeräumt war, die Gardinen aufgehängt waren und im Ofen und Küchenherd ein wärmendes Feuer brannte, konnte der Silvesterabend 1954 kommen. Mit Kartoffelsalat und Würstchen und Kellergeister-Pfirsichbowle wurde gefeiert. Meine Patentante war auch da, sie hatte uns beim Umzug geholfen. Sie schlief als Erste auf der neuen Couch. So war die Silvesterfeier auch gleichzeitig die Einweihungsparty für unsere neue Wohnung. (Fortsetzung folgt)
©Rosemarie Brathe

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green-84649 640Egal - ob Sturm oder Regen - was sein musste, musste sein.

Zehn Jahre war ich alt, immer ein wenig untergewichtig und öfter mal krank. Meine Schwester, drei Jahre älter, war etwas stabiler, aber sie hatte eine schwere Krankheit gehabt, nämlich Diphtherie.

Meine Mutter hatte sich bemüht, für uns eine Kur zu bekommen. Weil mein Vater bei der Eisenbahn gearbeitet hatte, sollten wir in ein Kin­derheim der Bahn geschickt werden. Vorab standen aber noch diverse Untersuchungen an. Zunächst mussten wir zum Gesundheitsamt, der Termin war morgens. Wir hatten großes Glück, denn ein netter Post­beamter aus dem Dorf nahm uns mit dem Postauto nach Haltern mit. Das war meine allererste Autofahrt und ein echtes Erlebnis.

Im Gesundheitsamt wurden wir gewogen, gemessen und geröntgt. Die Papiere musste meine Mutter zu unserem Hausarzt bringen und gleichzeitig benötigten wir einen weiteren Termin für eine Untersu­chung, diese war für einen Nachmittag im November vorgesehen.

Es regnete, ein kalter stürmischer Wind schüttelte die Bäume. Es half nichts, meine Schwester und ich mussten nach Haltern zu dem Arzt laufen. Zum Glück hatten wir Regenumhänge, die hatte meine Mutter irgendwo erstanden. Der Wind war so stark, dass wir kaum dagegen ankamen. Am Treckeberg kam uns ein Mann entgegen. Er schob sein Fahrrad, den Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen, ein Wunder, dass er ihn noch auf dem Kopfe hatte. Auf gleicher Höhe angekommen, er­kannten wir uns. Es war unser Onkel, der Bruder unserer Mutter. Verwundert fragte er: „Was macht ihr denn hier bei diesem Wetter?"

Wir erklärten ihm den Grund. Er schüttelte den Kopf und meinte, den Termin hätte man doch absagen können, der Arzt hätte doch sicherlich ein Telefon. Der schon, aber bei uns war weit und breit noch keins. Wir kämpften uns weiter durch Wind und Regen. Nachdem wir die Untersuchung überstanden hatten, bummelten wir noch ein wenig durch die Stadt. Zum Glück kannte meine Schwester sich schon ein wenig aus, für mich war Haltern groß und aufregend. Lange konnten wir uns nicht aufhalten, denn bei Tageslicht sollten wir wieder zurück sein. Gerade im Dorf angekommen, hatten wir Glück. Ein Bauer, der in unserer Nähe wohnte, und mit seinem Pferdewagen heimwärts fuhr, sammelte uns ein und setzte uns vor unserer Haustür ab. Meine Mutter war froh, dass wir das Abenteuer unbeschadet überstanden hatten.

©Rosemarie Brathe

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lake-11072 640Es war Frühling, die Pfingstferien hatten begonnen. Unsere Verwandten kamen und wir feierten zusammen das Pfingstfest und natürlich die „ Pingstebrut", wobei mein Cousin und meine Cousinen auch mitmachen durften.

Für die folgende Woche hatten mein Bruder und zwei Klassenkameraden sich vorgenommen, zu einem weiter entfernt gelegenen Bauernhof zu gehen, um sich mit den Kindern dort zu treffen und zu spielen. Er bat uns Mädchen mit zu kommen, weil er so leichter die Erlaubnis meiner Mutter bekam.

Wir waren für kleine Abenteuer immer zu haben und da es auf dem Hof auch Mädchen in unserem Alter gab, willigten wir ein.

Meine Mutter gab uns die Erlaubnis unter der Bedingung, dass wir versprachen, nicht ans Wasser zu gehen und schon gar nicht hinein. Auf dem Hof gab es nämlich einen großen Teich.

Sie gab uns noch die Ermahnung, nicht zu spät nach Hause zu kommen. Wir versprachen alles hoch und heilig.

So zogen wir also los, durch Felder, Wald und Wiesen. Es war ein ganz schönes Stück zu laufen. Als wir ankamen empfing uns mit lautem Gebell ein großer Hund, der aber zum Glück angekettet war. Die Kinder begrüßten uns wegen der willkommenen Abwechslung freudig, denn sie hatten weit und breit kaum Spielgefährten.

Wir vergnügten uns zuerst auf dem Hof, im Stall und in der Scheune und spielten fangen und verstecken.

Wir sollten ja nicht, aber dann hatte der Teich doch eine magische Anziehungskraft. Wir ließen Holzstücke als Schiffchen schwimmen und fingen Kaulquappen in einer Konservendose. Dann fiel den Jungen ein, doch einmal ins Wasser zu gehen. Wir warnten meinen Bruder, aber er ließ sich nicht abhalten, das kühle Nass zu erproben. Die Jungen zogen ihre Oberbekleidung aus und hüpften in Unterhosen in den Teich.
Ausgelassen tobten sie herum und versuchten natürlich auch uns Mädchen nass zu spritzen. Allzu lange hielten sie es aber nicht im Wasser aus, denn es war noch ziemlich kalt.

Wieder an Land, fehlten natürlich die Handtücher. Die Jungen trockneten sich ein wenig mit Hemd und Hose ab, dann hieß es, Mädchen umdrehen, denn die klitschnassen Unterhosen waren im Moment ja nicht zu gebrauchen und mussten ausgezogen werden. Und nackte Jungen durften wir Mädchen natürlich nicht sehen.

Das nächst Problem war, wie bekommt man so ein Teil bis zum Nachhauseweg wieder trocken? Mutter durfte ja nichts merken. Die Jungen hängten die gut ausgewrungenen Unterhosen auf einen

Stock und schwenkten sie auf dem Nachhauseweg über ihren Köpfen im Wind.

Es sah lustig aus. Nur schade, dass es kein Foto davon gibt.

Bei Gelegenheit werde ich meinen Bruder fragen wo er die Unterhose vor meiner Mutter versteckt hat, denn trocken war sie mit Sicherheit nicht.

©Rosemarie Brathe

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kueheAls Kindergartenkind ging ich morgens mit meinen älteren Geschwistern, denn sie hatten den gleichen Weg zur Schule. Egal welchen Weg wir gingen, ob über die Straße oder durch die Felder, immer mußten wir an ein oder zwei Häusern vorbei, wo uns behende Hunde nachliefen. Vor denen hatte ich große Angst.

Mittags mußte ich oft alleine nach Hause gehen, weil die Großen noch Unterricht hatten. Wenn ich einen Hund von weitem sah, machte ich einen Umweg um einen kleinen Wald, um der Gefahr zu entkommen. Es war ein richtiger Alptraum für mich.

Die Angst vor Hunden ist bis heute geblieben.

Wir wuchsen zwar mit der Natur auf, aber auch die kleinen Tiere waren mir nicht geheuer. Meine Geschwister machten sich gerne einen Spaß daraus mir kleine Tiere wie Regenwürmer, Schnecken, Raupen oder sogar kleine Frösche nach zu werfen. Ich fand das ekelig. Nur Käfer konnte ich anfassen und mit ihnen spielen.

In der Nähe unseres Wohnhauses waren Wiesen auf denen Kühe weideten. In gewissen Abständen mußten die Tiere auf eine andere Weide getrieben werden. Dann kamen zwei Leute vom Bauernhof und baten bei uns um Mithilfe. Meine Mutter oder meine Tanten halfen gerne. Meine Oma und wir Kinder gingen auch mit um aufzupassen, dass die Kühe auf dem richtigen Weg blieben. Wir Kinder bewaffneten uns immer mit einem Stock, für alle Fälle. Ich hatte kein gutes Geffihl dabei, wollte aber natürlich auch mit dabei sein. Die Kühe waren ja ziemlich groß und ob man ihnen so recht trauen konnte? Sicher war ich mir da nicht.

Gespannt warteten wir und dann ging es los. Das Gatter wurde geöffnet und in einem aufgeregten Durcheinander kamen die Tiere auf uns zu. Zunehmend verließ mich mein Mut und als so eine Riesenkuh vor mir stehen blieb war es ganz und gar um meine Tapferkeit geschehen. Ich warf meinen Stock in Richtung Kuh und rannte in Panik davon.

Mein Bruder dirigierte die Kuh wieder in die Reihe und alle waren bald auf der nächsten Weide.

Ich hatte leider versagt, aber ich war wohl noch ein wenig zu klein und da siegte die Angst vor den großen Tieren.

©Rosemarie Brathe

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tauberbischofsheimMeine erste größere Reise, die ich als junges Mädchen unternahm, werde ich nie vergessen. Mein Bruder lebte und arbeitete schon einige Zeit in Tauberbischofsheim. Er hatte sich inzwischen ein Motorrad angeschafft. Er kündigte uns einen Besuch an, denn er wollte meiner Mutter und uns Schwestern seine Freundin vorstellen. Sie kamen mit dem Motorrad. Ich sehe sie noch vor mir. Sie waren nass wie die Katzen, denn sie waren vom Regen überrascht worden. Sie blieben einige Tage und luden mich ein, sie in Tauberbischofsheim zu besuchen.

Eigentlich hatte ich kein Geld, um zu verreisen. Ich war in der Ausbildung und verdiente 30 DM im Monat. Es reizte mich aber schon, dieses Angebot anzunehmen. Zum Glück bekamen meine Mutter und wir jedes Jahr einen Freifahrtschein, weil mein Vater bei der Bahn gearbeitet hatte. Mein Bruder versprach, mir eine günstige Unterkunft zu besorgen. Es sollte dann auch gleich geschehen, weil ich noch Urlaub hatte. Mein Bruder kümmerte sich um eine Bahnverbindung und schlug vor, ich solle am gleichen Tag, an dem er mit seiner Freundin zurück fuhr, am Nachmittag mit dem Zug nach kommen. Er würde mich dann am Abend von Würzburg abholen, weil von dort so spät am Abend kein Zug mehr nach Tauberbischofsheim fuhr.

Ohne weiter zu überlegen - was ein großer Fehler war - trat ich also zum ersten Mal alleine diese längere Bahnreise an. Zum Glück konnte man damals noch den Koffer in Haltern am Bahnhof für wenig Geld aufgeben. Guten Mutes stieg ich in den Zug ein, der mich nach Köln brachte. Ich musste zum ersten Mal umsteigen. Auf so einem großen Bahnhof kam ich mir schon sehr verloren vor. Ich musste den D-Zug nach Frankfurt finden. Aber es klappte wider Erwarten gut, und so fuhr ich meine zweite Etappe am Rhein entlang.

In Frankfurt angekommen, suchte ich die Treppen. Wie kam ich auf den anderen Bahnsteig? Dann fiel mir ein, was mein Bruder mir gesagt hatte: Pass auf, in Frankfurt am Bahnhof sind keine Treppen. Du musst bis vorne laufen zu den anderen Bahnsteigen. So fand ich auch meinen Zug nach Würzburg. Dort kam ich am Abend um 22 Uhr an. In der Hoffnung, mein Bruder steht am Bahnsteig. Fehlanzeige! Ich lief herum und suchte ihn. Plötzlich hörte ich, wie mein Name über Lautsprecher ausgerufen wurde. Ich erschrak. Ich wurde zu einem bestimmten Schalter beordert. Dort sagte man mir, mein Bruder habe angerufen, er habe eine Panne und könne mich nicht abholen. Ich sollte auf ihn warten. Ich fühlte mich von aller Welt verlassen. Nachts im Dunkeln auf einem fremden Bahnhof, weit weg von zu Hause.

Ich wartete geduldig in der Halle, dann draußen vor dem Bahnhof. Bei jedem Motorengeräusch dachte ich, jetzt kommt er. So wurde es 6 Uhr morgens. Da wurde der Wartesaal geöffnet. Ich ging hinein und bestellte mir einen Kaffee. Da kam ein Mann, setzte sich zu mir an den Tisch. Er wollte wissen, woher ich käme und wohin ich wolle. Er bot sich an, mich mitzunehmen.

Mir fielen Mutters Ermahnungen ein: Lass dich nicht von fremden Männern ansprechen, schon gar nicht einladen. Im Moment war mir das egal. Übermüdet war ich, deshalb schlug ich alle Vorsätze in den Wind. Ich ging mit dem Mann. Aber kaum saß ich im Auto, wurde er aufdringlich. Zum Glück schaffte ich es noch, meine Tasche zu packen und aus dem Auto zu springen. Ich rannte in Panik in das Bahnhofsgebäude zum nächsten Schalter. Dort erhielt ich die Auskunft, dass der Zug nach Tauberbischofsheim schon auf dem Gleis stehe. Ich rannte los und war am Ende froh, den Mann abgehängt zu haben. In Lauda musste ich noch einmal umsteigen. Auf meiner letzten Etappe fielen mir immer wieder die Augen zu. Ich hatte Angst, einzuschlafen und mein Ziel zu verfehlen. Endlich kam ich an. Ein Taxi war mir zu teuer, so ging ich zu Fuß in die Stadt und suchte nach der Konditorei, in der mein Bruder arbeitete. Als ich nach ihm fragte, musste man ihn wecken. Er schlief noch, weil auch er erst gegen Morgen angekommen war. Ich konnte nichts mehr sagen. Ich war fix und fertig, mir liefen die Tränen über die Wangen. Mein Bruder brachte mich zu einer netten älteren Dame. Sie hatte ein Zimmer für mich. Ich fiel ins Bett und schlief bis zum Abend.

Das war mein erstes, großes Reiseerlebnis. Später hatte ich wesentlich schönere.

©Rosemarie Brathe

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fahrrad altOstern stand vor der Tür. Herrlich! Wir hatten schon Ferien bekommen, das Wetter war schön, was wollten wir mehr. Aber dann ging das mit dem schrecklichen Hausputz los. Im Hühnerstall fing es an, denn auch dessen Bewohner wurden nicht verschont. Einmal im Jahr wurde der Stall frisch gekalkt. Man sagt nicht umsonst:" Sie liefen herum, wie aufgescheuchte Hühner." Uns Kindern ging es genau so, wenn Mutter und Tanten die Putzwut packte.

Im Haus wurden die Ofenrohre abmontiert und zum reinigen auf den Hof gebracht. Wir Kinder mussten alle Stühle nach draußen tragen, auf denen dann die Federbetten zum Lüften abgelegt wurden.

Die Küche wurde frisch gestrichen. Sehr schön fand ich es immer, wenn dann mit einer Holzrolle, auf der ausgeprägte Motive wie zum Beispiel Blumen oder Weintrauben waren, die Wand verschönert wurde.

Nach dem Streichen wurde geputzt und gewienert und alles auf Hochglanz gebracht. Es war eine ungemütliche Zeit und alle waren froh, wenn die Arbeit endlich fertig war und alles wieder seinen Platz hatte.

Meine Mutter hatte nun Zeit nach Haltern zu fahren, um letzte Besorgungen für das Osterfest zu erledigen. Ich wäre gerne mitgefahren, aber wir hatten nur ein Fahrrad. Mutter fuhr los und wir Kinder freuten uns, dass wir in Ruhe etwas für Mutter basteln konnten. Wir bemalten ausgeblasene Eier und machten Körbchen aus buntem Papier, in die wir die in der Fastenzeit gesammelten Süßigkeiten legten.

Mutter blieb sehr lange weg. Als es schon Abend wurde und von ihr immer noch nichts zu sehen war, wurden wir unruhig. Dann endlich sahen wir sie aus dem Wald kommen. Wir liefen ihr entgegen und fragten erstaunt:" Wo ist denn dein Fahrrad?" Sie schüttelte nur den Kopf. Mein Bruder nahm ihr die Tasche ab, die sie den ganzen langen Weg von Haltern aus hatte tragen müssen. Sie war sehr erschöpft und traurig, denn man hatte ihr das Fahrrad gestohlen. Die ganze Osterfreude war dahin, denn für ein neues Rad musste Mutter lange sparen.

©Rosemarie Brathe

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karnevalAls wir vor über 50 Jahren nach Flaesheim zogen, lernte meine Mutter dort ein Ehepaar kennen. Sie freundete sich mit ihm an. Es war sehr nette Leute, wir waren viel zusammen. Das Ehepaar hatte schon damals einen Fernsehapparat und lud uns immer in der Karnevalszeit ein, die Sendung „Mainz wie es singt und lachÜ mit ihm zu schauen. Ich war ja schon 15 Jahre alt und durfte abends dabei sein.

Auch Eiskunstlaufen sah ich so gerne, auch das durfte ich bei unseren Freunden sehen. Ein Erlebnis war es auch, als sie mich zu einem Ausflug nach Schloss Nordkirchen einluden. Sie hatten ein Motorrad, ich durfte in den Beiwagen klettern. Es war schon ein großartiges Gefühl, so nah am Boden zu sitzen. Aber zurück zum Karneval.

Meine Mutter machte auch immer gerne etwas für und mit Kindern. Meine ältere Schwester arbeitete in einer Familie, die kleine Kinder hatte. Meine jüngere Schwester fand hier neue Freundinnen. Auch in unserer Hausgemeinschaft wohnten zwei kleine Kinder. Meine Mutter schlug vor, alle diese Jungen und Mädchen einzuladen zu einem Karnevalsfest. Alle waren begeistert. Ich konnte ja schon bei den Vorbereitungen und bei der Betreuung helfen. Es wurden Berliner Ballen gebacken, so wie meine Mutter es immer zu Rosenmontag tat. Auch selbstgemachte Caramel-Bonbons kamen gut an. Konfetti und Luftschlangen gab es auch schon, Cola und Sprudel nicht, stattdessen hatten wir Saft im Keller.

Alle Kinder kamen kostümiert. Sie sahen nicht so perfekt aus wie manche Kinder heute. Aber damals konnte man kein Geld für Karnevalskostüme ausgeben. Mit lustigen Liedern und Spielen wurde es ein fröhlicher Nachmittag. Wir freuten uns, dass es den Kindern so gut gefallen hatte.

Der Tag war aber noch nicht zu Ende. Am Abend kamen die Mitbewohner, es waren drei Familien, und wir feierten kostümiert bei Kellergeister-Bowle in bester Stimmung den Rosenmontag 1956.

Am nächsten Tag wollte ich nach dem reichlichen Konfettiregen den Kokosläufer absaugen. Einen Staubsauger hatten wir schon, aber der streikte. So musste der Läufer nach draußen auf die Teppichstange. Mit Klopfer und Bürste war es etwas mühselig, die kleinen bunten Plättchen aus dem groben Teppich heraus zu bekommen. Aber es überwiegen die schönen Erinnerungen, allein das ist wichtig.

©Rosemarie Brathe

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jhv 2017

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